Aconcagua - Der Berg, der vom Wind bewacht wird

Manche Momente im Leben fühlen sich an, als würde man sie nur kurz ausleihen dürfen.

Die Expedition zum Aconcagua war genau so ein Moment. Ich durfte im Rahmen eines Wettbewerbs von Deuter gewinnen – eine Möglichkeit, für die ich unglaublich dankbar bin. Vor mir lag der höchste Berg Südamerikas, 6.962 Meter, einer der Seven Summits. Ein Berg, der oft unterschätzt wird. Doch wer hier oben unterwegs ist, merkt schnell: Am Aconcagua geht es nicht um technische Schwierigkeiten. Es geht um Höhe, Ausdauer und um den Wind.

Einen Wind, der diesen Berg bewacht.

Mendoza - der Anfang von etwas Grossem

Am 25. Januar 2026 beginnt die Reise in Mendoza. Hochsommer in Argentinien. Hitze liegt in der Luft. Staub auf den Strassen, Weinreben ziehen sich über die Landschaft. Und irgendwo zwischen all dem dieses leise Gefühl im Bauch, dass etwas Grosses bevorsteht.

Hier treffe ich zum ersten Mal auf das Team, mit dem ich die nächsten Wochen verbringen werde. Australien, Belgien, England, Schottland, USA, Argentinien und ich als Schweizerin mittendrin. Ein bunter Mix aus Menschen, die sich vorher noch nie gesehen haben und trotzdem sofort eine Verbindung teilen. Wir alle sind aus dem gleichen Grund hier. Der Berg.

Was am Anfang wie eine zufällige Gruppe wirkt, wächst in den nächsten Tagen schnell zusammen. Expeditionen haben diese besondere Fähigkeit: Sie verbinden Menschen schneller, als der Alltag je könnte.

Aufbruch in die Anden

Von Mendoza fahren wir tiefer in die Anden hinein nach Penitentes, dem Ausgangspunkt unserer Expedition. Hier beginnt das Abenteuer wirklich. Ausrüstung sortieren, Material verteilen, Maultiere beladen, die einen grossen Teil unserer Ausrüstung tragen werden.

Mit dem Eintritt in den Aconcagua-Nationalpark verändert sich etwas. Die Landschaft wird stiller. Die Farben werden trockener. Staubiger. Die Täler weiter. Offener. Und irgendwo in dieser Weite steht er. Der Aconcagua.

Erste Schritte in der Höhe

Der erste Trek führt uns zum Camp Confluencia auf etwa 3.400 Metern. Die Landschaft wirkt rau und karg. Kaum Vegetation. Nur Fels, Wind und diese unglaubliche Weite der Anden .

Wir bleiben einige Tage in Confluencia, um uns an die Höhe zu gewöhnen. Eine der Akklimatisationstouren führt uns Richtung Plaza Francia, direkt unter die beeindruckende Südwand des Aconcagua. Je näher wir kommen, desto mächtiger wirkt sie. Dunkler Fels. Eisfelder. Eine Wand, die beinahe senkrecht in den Himmel zu wachsen scheint.

Hier spürt man zum ersten Mal wirklich, welche Präsenz dieser Berg hat. Die Südwand wirkt wild und unnahbar. Ein Anblick, der automatisch Respekt einflösst.

Basecamp – eine kleine Welt auf 4.300 Metern

Nach den Tagen der Akklimatisation geht es weiter zum Basecamp Plaza de Mulas (4.300 m).

Der Weg dorthin führt durch eine scheinbar endlose Hochgebirgslandschaft. Staubige Pfade. Weite Täler. Und immer wieder der Blick zurück und nach oben.

Plaza de Mulas wirkt fast wie eine kleine Stadt aus Zelten mitten in der Andenhoch­wüste. Hier verbringen Expeditionen oft viele Tage und entsprechend entsteht eine ganz eigene Atmosphäre.

Für mich ist vieles neu. Nach Expeditionen, bei denen Komfort meist eine Nebenrolle spielt, fühlt sich eine Dusche auf 4.300 Metern plötzlich wie purer Luxus an. Die Stimmung im Camp ist grossartig. Das Essen ist hervorragend und abends sitzen wir oft zusammen. Asado auf dem Grill. Argentinischer Wein im Glas. Lachen, Geschichten, Müdigkeit und dieser gemeinsame Traum vom Gipfel.

Diese Mischung aus Professionalität, Gastfreundschaft und Lebensfreude macht die Expedition zu etwas ganz Besonderem.

Der Blick von oben

Von hier aus unternehmen wir eine weitere wichtige Akklimatisationstour auf über 5.000 Meter zum Cerro Bonete. Der Blick von dort oben ist verändert die Perspektive. Zum ersten Mal sehen wir die gesamte Umgebung. Die weiten Täler. Die Hochlager, Die lange Route, die sich langsam Richtung Gipfel zieht. Erst jetzt wird wirklich klar, wie hoch der Aconcagua ist und was dieser Berg tatsächlich fordert. Höhe, Ausdauer und Windresistenz.

Der Weg in die Hochlager

Nach den Tagen der Akklimatisation im Basecamp beginnt der eigentliche Aufstieg. Doch am Aconcagua passiert nichts überstürzt - jeder Höhenmeter will verdient sein. Der Weg in die Hochlager führt uns deshalb Schritt für Schritt über mehrere Tage weiter hinauf. Der erste Abschnitt führt uns zum Camp Canadá auf etwa 5.050 Metern. Hier verbringen wir die erste Nacht oberhalb des Basecamp.

Und hier wartet auch eine Überraschung, mit der ich in dieser Höhe wirklich nicht gerechnet hätte: der vermutlich beste Burger meines Lebens.

Am nächsten Tag geht es weiter hinauf zum Nido de Cóndores auf etwa 5.560 Metern. Hier zeigt der Aconcagua langsam seine raue Seite. Der Wind wird stärker, und manchmal reichen einzelne Böen aus, um das Auf- oder Abbauen der Zelte zu einer echten Herausforderung zu machen.

In solchen Momenten merkt man, wie wertvoll ein gutes Team ist.

Nach einer weiteren Nacht in der Höhe steigen wir schliesslich weiter auf zum Camp Colera auf 6.000 Metern. Der Aufstieg ist kürzer, dafür steiler – was mir persönlich sogar besser liegt. Ich fühle mich auf 6.000 Metern überraschend wohl. Ein gutes Zeichen. Denn von hier aus beginnt bald der letzte Abschnitt unserer Expedition. Die Gipfelnacht rückt näher.

Gipfeltag und die Kraft des Windes

Mitten in der Nacht brechen wir Richtung Gipfel auf.

Die Stirnlampen schneiden schmale Lichtkegel in die Dunkelheit. Über uns spannt sich ein klarer Sternenhimmel und für einen kurzen Moment wirkt alles fast ruhig. Doch schon bald meldet sich der Wind.

Er ist sofort präsent - kalt, konstant und mit einer Kraft, die man in dieser Höhe nicht unterschätzen darf.

Trotz der tiefen Temperatuten wird mir durch die Bewegung schnell warm und ich halte kurz an, um eine zusätzliche Schicht im Rucksack zu verstauen. Doch die eigentliche Herausforderung ist nicht nur die Temperatur. Es ist der Wind.

Mit zunehmender Höhe wird er stärker. Immer wieder treffen uns Böen, die uns kurz aus dem Rhythmus bringen und zeigen, wer hier oben wirklich das Sagen hat. Der Windchill liegt bei ungefähr -35 Grad Celsius. Eine Kälte, die man nicht nur misst, sondern spürt. Im Gesicht, in den Fingern, in jeder freiliegenden Stelle.

Als wir etwa 6.500 Meter erreichen, wird klar, dass der Berg an diesem Tag keine weiteren Schritte zulässt. Die Böen sind zu stark. Zu unberechenbar. Ein Weitergehen würde bedeuten, ein unnötiges Risiko einzugehen. Der Gipfel ist nicht mehr weit entfernt und doch plötzlich ausser Reichweite.

Es ist keine einfache Entscheidung, aber aus bergsteigerischer Sicht die einzig richtige. Wir drehen um.

Der Aconcagua bleibt an diesem Tag unerreicht - bewacht von seinem unnachgiebigen Wind.

Rückkehr ins Basecamp

Aufgrund der Wetterprognosen entscheiden wir uns, direkt bis ins Basecamp abzusteigen, ohne nochmals im Camp Colera zu übernachten. Der Abstieg ist lang, aber die Vorfreude auf das Basecamp wächst mit jedem Meter.

Als wir Plaza de Mulas erreichen, werden wir herzlich vom Basecamp-Team empfangen. Am Abend wird gefeiert – mit Asado, Wein und Musik. Und dieses besondere Gefühl, gemeinsam etwas erlebt zu haben, das man nicht in Höhenmetern messen kann.

Zum Glück haben wir noch einen Ruhetag im Basecamp, bevor der lange Rückweg beginnt. Der letzte Marsch führt uns 26 Kilometer zurück zum Parkeingang. Ein würdiger Abschluss dieser Expedition.

Was von dieser Expedition bleibt

Der Gipfel blieb dieses Mal unerreicht. Doch die Erfahrung war enorm. Diese Wochen haben mir unzählige Eindrücke geschenkt: die Weite der Anden, den gnadenlosen Wind des Aconcagua, ein grossartiges internationales Team und die besondere Gastfreundschaft Argentiniens.

Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Expedition erleben durfte.

Und eines weiss ich sicher: Ich war nicht das letzte Mal in Argentinien.

Blick auf  Berg Aconcagua vom Basecamp Plaza de Mulas, Argentinien

Blick auf den Aconcagua vom Basecamp, Plaza de Mulas (4.300 m)

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Alpamayo - Der Moment, der wichtiger war als der Gipfel